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Sei mir Dichter, willkommen! denn dir hat wahrlich die Muse/ Heiter Lippen und Stirn und beide die glänzenden Augen/ Mit unsprödem Kusse berührt, so küsse mich wieder!
Eduard Mörike, An H. Kurtz

Hermann Kurz (bis 1848: Kurtz), geboren am 30. November 1813 in Reutlingen, ist als vielseitiger Dichter, Schriftsteller, Übersetzer und Journalist eine große Gestalt des deutschen Geisteslebens des 19. Jahrhunderts. Die Stadt Reutlingen feiert den 200. Geburtstag ihres großen Sohnes mit zahlreichen Veranstaltungen, unter anderem mit einer Wanderausstellung, einer wissenschaftlichen Tagung, einem Geburtstagsfest in der Stadtbibliothek und mit dem Theaterstück „Der Sonnenwirtle“ des Theaters Lindenhof Melchingen.

Literaturtipp: „Ich bin zwischen die Zeiten gefallen“. Ausstellungskatalog zum 175. Geburtstag von Hermann Kurz, 1988 herausgegeben von der Stadt Reutlingen.

Gedicht des Monats Dezember
Verfehlte Lose

1.
In solchen kalten Wintertagen,
Wo Flocken an die Fenster schlagen,
Wo bei den dämmerigen Kerzen
Die eisigkühlen Nachbarherzen
Noch tiefer sich in Frost verkleiden, –
O dass doch durch die stillen Heiden
Ein ferner Hufschlag niedertönte,
Und mir der Gast, der vielersehnte,
Der unbenannte, ungekannte,
Für den mein Herz stets dunkel brannte,
Am Tor vertrauend wollte klopfen,
Und aus dem Mantel, voll von Tropfen,
Mir eines Freundes Hände reichen,
Er dürfte nimmermehr entweichen,
Mir nimmer in die Nacht zurück.

2.
Aus diesem engen, armen Zimmer
Von meiner Lampe trübem Schimmer,
Mit meinem Denken, meinem Dichten,
Das einsam selbst sich muss vernichten,
Mich in die Nacht hinauszuwagen,
In Sturm und Finsternis zu jagen,
Entgegen einem hellen Schlosse,
Auf wohlerprobtem, tapfrem Rosse
Durch alle Nachtgespenster trabend –
Wär’s mir zu solchem lichten Abend
Vergönnt mit Schätzen anzukommen,
Dem edlen Gastfreund hoch willkommen,
Zu lösen alle Seelenbande
In geistig glüh’nder Reden Brande,
In Freundschaft, Liedern und Musik!

3.
Der Dichter:
O Menschenherz, o Menschensehnen!
Wo wird sich eine Straße dehnen,
Die euch zum Ziele führen könnte?
Die zwei geschied’nen Freundesseelen,
Wenn sie sich ungeseh’n erwählen,
Ein solch’ Zusammentreffen gönnte? –
Drum, kann’s nicht werden zur Geschichte,
So will ich’s schildern im Gedichte,
So hohes, dichtenswertes Glück.

Gedicht des Monats November
Herbstveilchen

Ein Freund hat einen Garten
Drin Blumen selt’ner Arten
Das ganze Jahr durch glüh’n:
Er weiß sie wohl zu setzen
Zum Heil und zum Ergötzen
Mit künstlichem Bemüh’n. –
Aus diesen schönen Räumen
Ließ jüngst in stillem Traumen
Natur ein lieblich Wunder blüh’n.

Dort sahst du wie, beim Wüten
Des Herbstes, Veilchen blühten,
Frisch wie im frühen März,
In rauem Windesrauschen
Sahst du sie freundlich lauschen,
Gekehrt halb niederwärts.
Und nicht der Kunst gelungen,
Von selber vorgedrungen,
Zum Sinnen mahnen sie das Herz.

Wie? kost Natur im Leide
Noch mit dem Brautgeschmeide,
Eh jeder Schmuck entweicht,
Eh Winterstürme hadern
Und sich durch alle Adern
Der Tod erkältend schleicht,
Dass an des Schaffens Grenze
In einem Traum vom Lenze
Süßlächelnd ihre Wange bleicht?

So träumt ein Greis im Sterben:
Die Wangen sich entfärben,
Die Wimper schließend fällt,
Doch zeugt ein selig Lächeln
Dass ihn Zephyre fächeln
Aus einer schönern Welt,
Dass seiner Seele Saiten
Ein Klang der Jugendzeiten,
Ein Ton der ersten Liebe schwellt.


Gedicht des Monats Oktober

Herbstgebet

Geist des Schaffens, Lebenquellender!
Hier, wo hoffnungschwellend die Traube
Dem herrlichsten Los entgegenreift,
Zuerst in bescheidener Andacht
Der höhern, gewaltigen Sonne Kuss empfängt,
Dann schwanger von eingeglühtem Leben
Im Dunkel, in freier Seligkeit
Den Keim ernährt, und wann die Stunde ruft,
Ans Licht ihn gebiert, den göttlichen Quell,
Von welchem Tausende schöpfen, trinken, leben –
Geist des Schaffens, Lebenquellender!
Hier will ich in stiller Frömmigkeit
Dein gedenken und knien:
Ich habe nichts, nur was Du willst geben,
Ist mein! Mein ist nur Demut,
Die empfangende. – Zünd’ in meinem Herzen
Deines Lebens ein Licht!


Gedicht des Monats September

Des Sommers letzte Rose
Zu einer irischen Melodie nach Moore

Des Sommers letzte Rose
Blüht hier noch allein:
Verwelkt sind der Gespielen
Holdlächelnde Reih’n.
Ach es blieb keine Schwester,
Keine Knospe zurück,
Mit erwiderndem Seufzer,
Mit errötendem Blick.

Ich will nicht, Verlassne,
So einsam dich seh’n:
Wo die Lieblichen schlummern,
Darfst auch du schlafen geh’n.
Und freundlich zerstreu’ ich
Deine Blätter über’s Beet,
Wo die Düfte, wo die Blätter
Deiner Lieben sind verweht.

So schnell möcht’ ich folgen,
Wann Freundschaft sich trübt,
Und der Kranz süßer Liebe
Seine Perlen verstiebt.
Wann Teure verschwinden,
Manch treues Herz zerfällt,
Wer möcht’ allein bewohnen
Diese nächtliche Welt?

Gedicht des Monats August
Oft wann erbleicht der Sterne Pracht

Oft wann erbleicht der Sterne Pracht,
Im Mondlicht ruh’n die Täler all,
Lausch’ ich vom Fenster in die Nacht
Nach einer Flöte Schall.
O komm, mein Lieb! so ruft mir jeder Ton mit Macht:
O komm, mein Lieb! wie schnell verstreicht die Nacht!
Nicht Worte sprechen, nein!
Nicht Flammenzungen mir
Der Liebe Sprache halb so rein
Wie diese Töne hier.

In meine Laute greif’ ich dann,
Und schlage an den vollsten Ton:
Ob niemand sie verstehen kann,
Er kennt die Sprache schon.
Ich komm’, mein Lieb! ruft jeder Ton hinab
mit Macht:
Ich komm’, mein Lieb! – dein! bis der Tag erwacht.
O! Worte sind nur arm,
Des Malers Farben kühl
Vor diesem Spiel so reich und warm,
Vor diesem schlichten Spiel!

Gedicht des Monats Juli
Sommerreise

Vor Kurzem zog ich diese Bahn
In kalter Winterzeit:
Da sah der Tag mich farblos an,
Die Gegend war verschneit.

Mühselig schleppt’ ein mattes Ross
Mich durch den dünnen Schnee,
Und selbst im warmen Mantelschoß
Tat mir die Kälte weh.

Auch meines Herzens inn’re Flur,
Ein Lenz einst blütenweiß,
War eine Winterlandschaft nur,
Erstarrt in Schnee und Eis. –

Wie ist die Welt heut umgetauscht!
Sie wogt in Blüt’ und Duft!
Der Sänger ihrer Pracht durchrauscht
Der Vögel Chor die Luft.

Die Pappeln neigen freundlich sich,
Die an der Straße stehn;
Jüngst waren sie so kümmerlich,
Verdorrt und starr zu seh’n.

Ob heiß der Sonnenstrahl auch fällt
Aus seinem blauen Haus,
So kocht er in der ganzen Welt
Jetzt Wein und Lieder aus.

Nimm auf, tiefschwarzer Tannenwald,
Den Wand’rer in dein Kühl:
Erquickt von dir gelang’ ich bald
Zum nahen lieben Ziel.

Schon winkt das Dörflein so vertraut
Dort dem willkommnen Gast,
Und – Herz mein Herz, nun freu’ dich laut,
Dass du noch Leben hast!

Gedicht des Monats Juni
Im Weinberg

Die du grünst um meine Klause,
Junge hoffnungsvolle Rebe!
Da ich in der Jungend brause,
Selbst noch in der Hoffnung lebe:

Ist es stets mein fester Glaube,
Dass wir beiden liebevollen,
Ich und deine zarte Traube,
Blutsverwandte werden sollen.

Darum lass’ uns an der Flamme
Dieses Sommers wachsen, glühen,
Wie Milchbrüder aus der Amme
Ein verbundnes Leben ziehen.

Mit durchglühten Lebenssäften
Reifen wir zum Herbst allmählig,
Im Gefühl von hohen Kräften
Schmerzensvoll und tränenselig.

Endlich welken Schmerz und Wonne,
Fällt das grüne Laub der Reben,
Flieht die heiße Sommersonne
Und der Jugend frisches Leben.

Junger Wein! zu deiner Würde
Wirst getreten und geschlagen,
Und auch ich muss meine Bürde,
Erd’ und Himmel muss ich tragen. –

Wann im gärenden Bewegen
Sich geläutert jede Welle,
Fließen wir dem Ziel entgegen,
Ruhig, rein und spiegelhelle.

Nachts, wann leise niederflammen
Nur des Himmels ferne Lichter,
Blüh’n und duften wir zusammen,
Und du segnest deinen Dichter.

Gedicht des Monats Mai
Trinklied im Frühling

Nach einer italienischen Melodie

Der Himmel lacht und heit’re Lüfte spielen,
Der Frühling kehrt zurück in seiner goldnen Pracht;
Mit lautem Jubelsang wird hier im Kühlen
Der schönen Zeit ein volles Glas gebracht.
Die Treu’ verklärt die fröhlichen Gesichter,
Die Freude thronet hier in ihrem Königshaus,
Die Lieb’ entflammt die hellen Frühlingslichter
Und spannt den blauen Bogen drüber aus.

In roter Glut die Goldpokale funkeln,
Die Sonne schaut mit Lust nach ihrem Kind, dem Wein,
Und Geistertöne klingen durch die dunkeln
Gewölbe dieser Blütenbäume drein:
O seht die Schar der kleinen Geister lauschen,
Die in der Tiefe sich mit holdem Feuer tränkt!
Wo ihres Meeres wildste Fluten rauschen,
Da sei die ganze Seele drein versenkt!

Der Strom des Lebens mag hinunterquellen,
Wenn nur die Trauben stets an seinem Ufer glüh’n,
Und süße Augen auf die dunkeln Wellen
Verklärend ihre Sonnenblicke sprüh’n:
Drum wenn am Himmel heit’re Lüfte spielen,
Der Frühling wiederkehrt in seiner goldnen Pracht,
Wird unter hellem Jubelsang im Kühlen
Der schönen Zeit ein volles Glas gebracht.

Gedicht des Monats April
Des Sängers Grablied
Zu einer schottischen Melodie nach Moore

Stumm schläft der Sänger, dessen Ohr
Gelauschet hat an andrer Welten Tor:
Ein naher Waldstrom brauste sein Gesang
Und säuselt’ auch wie ferner Quellen Klang.

Du schlummerst stille, schlummerst leicht,
Wann über dich der Sturm und Zephyr streicht,
Der Sturm, der dir den Schlachtgesang durchdröhnt,
Der Hauch, der sanft im Lied der Liebe tönt.

 

Gedicht des Monats März
Märznacht

März, des Frühlings träumerischer Erstling,
War bei Nacht gekommen, leise rauschend,
Zarte Tropfen schüttelnd von den Flügeln;
Und ich stand, den holden Gast zu grüßen,
Spät am Fenster noch mit meinem Liebchen.
Leicht auf meiner Schulter lag ihr Köpfchen,
Um die Hüfte war ihr Arm geschlungen,
Und so schaute sie mit mir durchs Fenster
In den Garten, der vom Mond erhellt war.
Draußen aber tropft’ es klopfend nieder,
Und im Laub, das schon den Bäumen grünte,
Lag es blinkend wie erschloss’ne Augen;
Nun auf einmal regen sich die Blätter,
Los’ und leise schlägt es an die Scheiben,
Und behende will das Liebchen öffnen;
Doch ich hielt den runden Arm zurücke,
Zog ihn an den Mund und küssend sagt’ ich:
Nur Geduld, du kleine süße Neugier!
Streng verboten ist’s hinaus zu schauen;
Weißt du nicht, dass jetzt das stille Völkchen
Lauschend geht an die verborgne Arbeit?
Frühlingsgeisterchen, die zarten Elfen,
Sind die ganze Nacht hindurch beflissen,
Aus den Bäumen Laub herauszuspinnen
Und dazu die Fingerchen zu netzen
In dem Regen, der so warm herabrinnt.
Weiter noch verstehn sie aus dem Laube
Junge Blüten auszuzupfen, künstlich
Sie zu färben mit der Sterne Silber,
Gold des Mondes und dem Blau des Himmels.
Denn zwei Feste gibt es in dem Jahre,
Die erblühn für uns und für die Kinder,
Erst die Weihnacht, wo die Engel schaffen
Und der schönen Gaben viel bescheren,
Spiel den Kindern, uns des Schauens Freude:
Dann das Frühjahr, welches ist den Elfen
Anvertraut zum heimlich nächt’gen Dienste. –
Warte, morgen früh wird die Bescherung
Uns im Lichte keck entgegenstrahlen,
Und die Elfen sitzen dann im Laube,
Blinzen aus dem Taue nur verstohlen
Und erfreu’n sich unsrer Überraschung.
Darum soll sie niemand jetzt belauschen,
Denn ihr Lohn ist, dass wir uns verwundern.
Und wenn du das Fenster würdest öffnen,
Schwebten sie verdrießlich fort und ließen
Ach! den armen März, mit dem sie kamen,
Hilflos draußen in den Bäumen hangen,
Und der Frühling, der so früh ist heuer,
Würde dann durch deine Schuld verspätet.
Sag, mein Leben! hast du mich verstanden?

Liebchen sah an mir empor mit Lächeln:
Lange blieben wir noch sinnend stehen,
Schauten durch das Glas, einander haltend –
Durch ein Guckloch in das Land der Wunder.


Gedicht des Monats Februar
Tagesanbruch

Oft in des Morgens klarer Frische,
Wann kräftig flammt der Seele Licht,
Naht plötzlich mir ein Bild, womit ich Tag und Licht
Auf einen Augenblick verwische.

Ich seh mich selber, fern und doch wie nah,
Dahingestreckt, wie ich den Vater sah,
Die Lippen stumm, die Augen eingedrückt,
Des Herzens Schlag gebrochen und erstickt,
Und folge mit dem Blick dem feierlichen Zug,
Der auch die Vor’gen so hinuntertrug.

Zerfließe, Traumgebild! und Luft und Morgenschein,
Umfittigt mich mit sichern Lebensmahlen!
Die Seele badet doppelt froh sich rein
So in des Geistes, wie der Sonne Strahlen.

Und haben sie mich eingescharrt,
Dann, teures Wort, in Dir sei meine Gegenwart!
Herüber sei die Geisterhand gereicht
Dem der, wie ich jetzt, durch die Berge streicht,
Und in den Morgen, der so labend haucht,
Sein Leben taucht.

 

Gedicht des Monats Januar
Die Glocken der Vaterstadt
Lied eines Wanderers
Zu Zelters Melodie Au bord d’une fontaine

Dort ruht im Abendstrahle
Die Stadt, die mich gebar,
Es klingen aus dem Tale
Die Glocken rein und klar.

O meiner Jugend Töne!
Ihr werdet wieder wach!
Es bebt im Aug’ die Träne,
In meinem Herzen bebt euch jede
Saite nach.

Es sind die alten Glocken,
Die ich als Kind vernahm,
Und treu dem frommen Locken
Zur heil’gen Stätte kam.

O meiner Jugend Töne! …

Und als die Meinen schieden,
Tat dieser Glocken Mund
Zur Ruh, zum ew’gen Frieden
Den ernsten Segen kund.

O meiner Jugend Töne! …

Drauf sprach zu einem andern
Mein Lieb der Treue Wort:
Da riefen mich aufs Wandern
Die Hochzeitglocken fort.

O meiner Jugend Töne! …

Zuweilen, eine Beute
Von See und wüstem Sturm,
Vernahm ich das Geläute
Von meinem heim’schen Turm.

O meiner Jugend Töne! …

Und nun, zurückgekommen,
Wie ist das Herz mir bang!
Niemand heißt mich willkommen,
Als euer ernster Klang.

O meiner Jugend Töne!
Ihr werdet wieder wach!
Es bebt im Aug’ die Träne,
In meinem Herzen bebt euch jede
Saite nach.

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