Austellung des Stadtarchivs Reutlingen

Die „Vaterstadt“ des Hermann Kurz
Stadtarchiv-Ausstellung zum 200. Geburtstag des Reutlinger Literaten in der Eingangshalle des Rathauses

Am 30. November 2013 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Hermann Kurz, dem bedeutendsten aus Reutlingen stammenden Schriftsteller. Aus diesem Anlass zeigt das Stadtarchiv in zwei seiner Wandvitrinen ausgewählte Archivalien sowohl zum Werk wie auch zum Leben des jungen Hermann Kurz. Bis zu dessen Entscheidung im Jahr 1836, freier Schriftsteller zu werden, war sein Lebensweg aufs Engste mit der Achalmstadt verknüpft gewesen. In zahlreichen seiner Werke hat Hermann Kurz dem Reutlingen seiner Kindheit ein liebevolles literarisches Denkmal gesetzt.

Sein Geburtshaus (Wilhelmstraße 95) steht im Herzen der Altstadt. Es war durch den Großvater Johannes Kurz (1737–1824) in den 1760er Jahren in der damals so genannten „Cramergasse“ unweit der Marienkirche neu errichtet worden. Der Kurz’sche Familienzweig des angesehenen Glockengießers kann zum erweiterten Kreis einer wohlhabenden Oberschicht gezählt werden. Der Großvater wurde – wie ein ausgestelltes Verzeichnis der reichsstädtischen Ratsherren zeigt – mehrfach zum „Stadtrichter“ gewählt und trug somit den Titel eines „Senators“.

Auch von einer Tante väterlicherseits hat der Literat in der Erzählung „Das Witwenstüblein“ ein sympathisches Porträt gezeichnet. Die behagliche Stube selbst hatte sich im Gebäude Wilhelmstraße 66 befunden. Im Nachbargebäude (Wilhelmstraße 64) war 1789 Friedrich List geboren worden. Der von Hermann Kurz gebrauchte Begriff der „Vaterstadt“ ist jedoch keineswegs die Beschwörung einer patriarchalisch geprägten heilen Welt: 1826 wurde der 12-jährige Hermann Halbwaise, als sein Vater Gottlieb David Kurz (geb. 1783) allzu früh und finanziell verschuldet verstarb. Die Betätigung als Handelsmann, nicht zuletzt in der Schweiz, war wenig glücklich verlaufen. In einem Brief der Mutter an Hermann Kurz werden in diesem Zusammenhang unvorteilhafte Geldleihgeschäfte genannt.

Die verwitwete Mutter musste sich ab 1826 mit ihrer Schwägerin als Miteigentümerin des Gebäudes Wilhelmstraße 95 auseinandersetzen. Ein Jahr vor ihrem Tod hat sie diesen Besitz 1829 veräußert. Hermann Kurz sah das geräumige alte Gebäude häufig von „drohenden Gestalten“ eines „mißwollenden Traumgeistes“ bevölkert. Wenn er Reutlingen als Literat immer wieder als einen Ort von geradezu kindlicher Geborgenheit schildert, nimmt dies in erster Linie Bezug auf Großvater und Tante. Für den Abschluss seiner Seminarzeit in Maulbronn sowie während seiner Zeit als „Stiftler“ in Tübingen wurde das Erbe von Hermann Kurz zwischen 1830 und 1835 durch einen von der Stadt Reutlingen bestellten „Pfleger“ verwaltet. Dieser hielt im November 1835 fest, dass „durch den starken Verbrauch des Pflegsohnes“ das ererbte Vermögen weitgehend aufgebraucht war. Dem verschwindend kurzen Vikariat in Ehningen bei Böblingen folgte zum Jahresbeginn 1836 die Entscheidung des volljährig gewordenen Hermann Kurz, freier Schriftsteller zu werden.

Die Archivalienschau vor den Diensträumen des Stadtarchivs im Rathaus-Erdgeschoss zeigt unter anderem die Erlaubnis des Reutlinger Stadtrats vom Jahresende 1835, dem „Vikarius Hermann Kurz“ den Rest seines Vermögens „auszufolgen“. Auch zu sehen ist ein Auszug aus dem Vermögensinventar der Eltern, das anlässlich der Heirat 1810 erstellt worden war. Es belegt, dass zum Bücherbesitz der Familie die zeitgenössischen Schillerdramen „Maria Stuart“ (1800) sowie „Die Braut von Messina“ (1803) zählten.

Der im Stadtarchiv verwahrte kleine Teilnachlass von Hermann Kurz enthält auch einen Brief von Pfarrer Mohr in Ehningen. Dieser Onkel mütterlicherseits forderte 1829 den Maulbronner Seminaristen in einem Brief salbungsvoll dazu auf, als angehender Theologe, „den Weg der Ordnung“ zu beschreiten. Im Jahr zuvor war Württemberg erschüttert worden von dem Verbrechen des Reutlinger Geistlichen Joseph Brehm, der sein außereheliches Kind getötet hatte.

Das schockierende Ereignis wird auch in den 1828 und 1829 nach Maulbronn adressierten Briefen von Christiane Kurz thematisiert. Die im Stadtarchiv verwahrte Korrespondenz belegt jedoch vor allem eine – teilweise sehr weitreichende – mütterliche Besorgnis um das Wohlergehen des Sohnes. So bat sie Herman unter anderem: „Geh fleissig in die frische Luft und strenge dann deinen Kopf nicht mit Dichten an, sonst ists keine Erholung, was dir bey deinem schreklichen Wachsen sehr nöthig ist.“

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