Theater Konstanz: Der Sonnenwirt

Uraufführung am 18. Mai 2013
Dramatisierung und Regie: Mario Portmann

Grenzen der Heimat, unüberwindbar
Sehenswert: „Der Sonnenwirt“ nach Hermann Kurz am Theater Konstanz

„Ich war immer der Meinung, dass im Sonnenwirt ein dramatischer Stoff liege!“, schrieb im März 1855 der Verleger Carl Meidinger an Hermann Kurz. Der hatte sich an die Dramatisierung seines Romans über den 1760 in Vaihingen/Enz hingerichteten Räuberhauptmann Friedrich Schwan gemacht, um die Arbeit bald darauf wieder abzubrechen. Nun hat das Theater Konstanz unter dem Spielzeit-Motto „Borderline“ das Werk erfolgreich vollendet. Eine sehenswerte Grenz-Erfahrung.
Romanadaptionen sind im deutschen Theater en vogue. Nicht immer überzeugt das Ergebnis. Nicht so am traditionsreichen Theater Konstanz: Der umtriebige wie erfolgreiche Intendant Christoph Nix, Jurist und Professor für Jugendstrafrecht mit großer Leidenschaft fürs Theater, erkannte im „Sonnenwirt“ von Hermann Kurz ein vergessenes Juwel und eine zeitlose Parabel über unverschuldete Schuld und die Frage, wie die Gesellschaft einen jungen Menschen zum Verbrecher werden lässt.
Mario Portmann, Oberspielleiter und Regisseur, konzentrierte das 800-Seiten-Werk in eine nah an der Vorlage bleibende Stückfassung. Die überraschend frische Sprache des 150 Jahre alten Originals steht zeitlosen Vor-Bildern wie Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ oder Kleists „Michael Kohlhaas“ in nichts nach. Das hat Sternchen-Thema-Potential! Portmann fügt noch ein paar schwäbische Einsprengsel hinzu – mehr braucht’s am badischen Seeufer unweit der Schweiz aber auch nicht.
Der spröde Charme einer ehemaligen Lagerhalle am Hafen, Spielstätte für junges Theater, bildet den passenden Rahmen. Anton Lukas – 2012 mit der Performance „Hate Radio“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen – vermeidet mit seiner zurückhaltenden Ausstattung jede folkloristische Gemütlichkeit. Auf, vor, hinter und unter einem 15 Meter langen Steg, der als Wirtshaustisch, trennende Mauer, Versteck, Fluchtweg und Catwalk fungiert, entfaltet sich quasi im Breitwandformat die dörflich-pietistische Welt des 18. Jahrhunderts.
Friedrich Schwan, Sohn des Ebersbacher Sonnenwirts, kehrt aus dem Ludwigsburger Zuchthaus zurück, in das ihn pubertärer Übermut brachte. Max Hemmersdorfer spielt den Frieder, diesen Kraftmeier mit zartfühlendem Kern, mit beeindruckender physischer Präsenz. Sein riskantes Spiel (ohne Weichbodenmatte) führt ihn an (Schmerz-)Grenzen. Denn um ihn herum hält man sich peinlich genau an die Spielregeln eines gottgefälligen Lebens. Frieders bieder-opportunistischer Vater (Jürgen Bierfreund) steht unter der Kuratel seiner zweiten Frau (Katrin Huke). Die geifernde Sonnenwirtin hintertreibt sowohl die von ihrem Stiefsohn erbetene Anstellung eines Mithäftlings, des Zigeuners Christianus (Philip Heimke), als auch seine nicht standesgemäße Liebe zu Christine, der Tochter eines leibeigenen Bauern. Christianus wird vom frustrierten Frieder zum Haus hinaus geprügelt – ein böses Omen für ihr späteres Wiedersehen. Und auch mit seiner bald schon schwangeren Geliebten (aufrichtig liebend und immer mehr leidend: Sarah Sanders) verfährt er (zu) oft wie ein grobschlächtiger Haudrauf.
Dass Frieder das Herz am rechten Fleck hat, hilft ihm nur wenig. Er ist noch nicht „majorenn“, sprich volljährig, und die Ausnahmegenehmigung zur Heirat kann er nur mit Bestechung des penibel-korrupten Amtmanns (Ralf Beckord) und der im Publikum versammelten Stuttgarter Bürokratie (herrlich!) erreichen. Doch die erhoffte Heirat und der damit verbundene Platz in der Gesellschaft bleiben ihm verwehrt, denn die Summe, die er als Ablöse der Leibeigenschaft seiner Braut aufbringen soll, übersteigt selbst seine Kräfte. In seiner Verzweiflung bestiehlt er abermals seinen Vater, attackiert einen ihm wohlgesonnenen Dörfler mit dem Messer und wird zu lebenslanger Haft auf der Festung Hohentwiel verurteilt.
Von dort bricht er zwar wieder aus, taucht in den schwäbischen Wäldern unter, stiehlt, um seine von ihm getrennte Familie über Wasser zu halten, und stößt schließlich zur Räuberbande um Christianus und dessen schöner und selbstbewusster Schwester Christine (Lisan Lantin), der er augenblicklich verfällt. Doch ein Entkommen aus dem Teufelskreis von Liebe und Gewalt, ein Zurück ins normale Leben gibt es nicht mehr. Blind vor Wut ermordet Frieder seinen Widersacher, den Fischerhanne (Axel Julius Fündeling). Sein furchtbares Ende auf dem Rad wird nur indirekt erzählt. Der verlorene Sohn bleibt vom Vater auch im Angesicht des Abgrunds unverstanden.
Der turbulente, etwas klamaukige zweite Teil des Abends (Musik: Rudolf Hartmann) fällt, vielleicht auch aufgrund der verletzungsbedingt erschwerten Endproben, im Vergleich mit dem konzisen Beginn insgesamt etwas ab und auseinander. Manche Regieeinfälle wie die Latex-Masken der an Leib und Seele verrohten Dörfler oder die Fratze des Bösen, vor der Frieder nach seinem ersten Überfall mit der Räuberbande selber erschrickt, wären verzichtbar. Doch schmälert dies nicht den starken Gesamteindruck, den die temporeiche Inszenierung Portmanns mit ständigem fliegendem Rollenwechsel und das leidenschaftlich spielende Ensemble beim Premierenpublikum hinterlassen. Der zu Recht viel beklatschte Abend ist unbedingt eine Reise an den Bodensee wert. Wie schrieb der Verleger doch 1855 an Hermann Kurz: „Und nun adio! Sonnenwirt hoch!“

Andreas Vogt

Wo: Theater Konstanz, Spiegelhalle, Hafenstraße 12 (direkt am Konstanzer Hafen bzw. Bahnhof)
Weitere Vorstellungen: 23./25./29./31. Mai und 1./2./7./8./9./20./22./23. Juni. Karten unter Tel. 07531 900-150
Link zum Theater Konstanz: http://www.theaterkonstanz.de/tkn/veranstaltung/04978/index.html

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