Eine Stadt liest ein Buch

Noch bis 22. Oktober 2013
Schluss-Lesung am 22.10. mit Prof. Hermann Bausinger: „Sonnenwirts Ende“

Eine Stadt liest ein Buch
Diese Idee, die aus Amerika kommt, wird in vielen deutschen Städten mit Erfolg umgesetzt.

Die Freunde der Stadtbibliothek Reutlingen e. V. lesen zum 200. Geburtstag des Reutlinger Autors Hermann Kurz dessen berühmten Roman
Der Sonnenwirt (1854)
Jürgen Schweier Verlag, Kirchheim unter Teck, 1980

Zeit: dienstags, 17-18 Uhr, jeweils 2 x 30 Minuten
Ort: Ovaler Tisch, 1. OG, Stadtbibliothek Reutlingen, Spendhausstraße 2

Kontakt: Christian D. Fritsch
cdf-fritsch@web.de, Tel. 0174 47 48 702

Christian D. Fritsch
Beim Lesen des „Sonnenwirts“ von Hermann Kurz

Der Titel verspricht den Lebensweg des Johann Friedrich Schwan aus dem Amtsflecken Ebersbach – Kurz schreibt im Text von dem „Jüngling, dessen groben, verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen unternommen haben“. Das kündigt eine Erzählung an vom Weg eines eigensinnigen, wohl problematischen, aber in seiner Gemeinde integrierten und akzeptierten Mitbürgers zum sozialen Außenseiter, zum Räuberhauptmann außerhalb von Recht und Gesetz – am Ende die Hinrichtung auf dem Rad. In groben Zügen ist diese Biographie ja bekannt, aus Friedrich Schillers Novelle „Verbrecher aus verlorener Ehre“. Nun erwartete ich im Werk von Hermann Kurz Einblicke in die seelische Anatomie des „Sonnenwirtle“, in seine inneren Beweggründe und auch und gerade in seine Abgründe.

Solche Erwartung wird von Hermann Kurz nun gründlich enttäuscht. Er gibt in seiner Prosa keine Psychologie. Dieser Verzicht geht herunter bis auf die ebene der einzelnen Sätze: Wendungen wie „er dachte“, „er fühlte“ usw. kommen nicht vor; Konstruktionen aus den Verben der inneren Bewegung fehlen. So wird die Schädeldecke nicht geöffnet, die Innenwelt des Helden bleibt uns verborgen.

Hermann Kurz bietet stattdessen Anderes, Unerwartetes. Breit und ausführlich, anschaulich und lebendig berichtet er vom Leben – nein: er berichtet vom Reden der Kleinbürger und Bauern in einem württembergischen Landstädtchen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Es reden Arme und Nicht-so-Arme, Untertanen und Vertreter der Obrigkeit. Sie reden über Not und Abhängigkeit, sie reden von ihrem Besitz und wie man ihn mehrt. Da werden am Wirtshaustisch Streitigkeiten besprochen und geschlichtet, da redet man sich im Haus und auf der Gasse in Feindseligkeiten hinein, da wird über die Aufführung der Mitbürger „geklatscht“, anhand tradierter Lebensregeln, Spruchweisheiten geurteilt und verurteilt. Da spricht der Pfarrherr im Konvent Kirchenstrafen aus, da exekutiert der Amtmann seine Gewalt in mündlicher Verhandlung und schriftlicher Anzeige ans Oberamt – das ganze gesellschaftliche Gefüge des Amtsfleckens wird geschildert, die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse bilden sich ab in diesen Reden, kommen buchstäblich „zur Sprache“.

So gewinnt der Untertitel des „Sonnenwirts“ eine überraschende, zum Haupttitel gegenläufige Bedeutung: Er lautet: „Schwäbische Volksgeschichte“. Das heißt dann nicht mehr: Geschichte von einem aus dem Volke, sondern: Geschichte des „Volks“ selbst, dargestellt in typischen Vertretern an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Hermann Kurz erzählt nicht allein eine Geschichte, er schreibt Geschichte.

Dass er in seiner Prosa etwas Neues unternahm, dass er überlieferte literarische Formen aufsprengte und sie hin zur „wirklichen Welt“ öffnete, hin zur Realität, das war Hermann Kurz durchaus bewusst. Im Geleitwort zu seinem Roman benennt er die Aufgabe, die er schreibend lösen will: „Dichtung“ und „Geschichte“ in ein neues Verhältnis zu setzen, Fiktion und Fakten zur neuen Einheit zusammenzubringen, zur „wahren historischen Poesie“ zu bilden. Geschichten erzählen und Geschichte schreiben aber sind zweierlei; unterschiedlich der jeweilige Blick, die Perspektive des Autors. Die Perspektive des Historikers (und Sozialwissenschaftlers) ist panoramatisch, er geht, um in der Metapher des Kurz-Romans zu bleiben, auf das Gewebe, auf die Struktur, in welches der „grobe, verworrene Lebensfaden“ des Sonnenwirts eingeschossen ist – der Blick des Erzählers ist fokussiert, er richtet sich auf den „Lebensfaden“ selbst, auf das Schicksal eines Einzelnen. Solch unterschiedenen Perspektiven kommt Unterschied-liches vor Augen; aus den unterschiedenen Perspektiven bilden sich unterschiedliche Horizonte, die jeweils eine Welt abrunden und begrenzen. In der Erzählung entsteht eine eigene, individualisierte, „fiktive“ Welt, in der Historiographie fallen die Grenzen der dargestellten mit den Grenzen der wirklichen Welt zusammen.

Diese Unterschiede überspringt Kurz nicht, er bringt „Dichtung“ und „Geschichte“ nicht zu einer Synthese – was er leistet, würden Chemiker eine Mischung nennen. Und gerade die Mischung, die Reibung der heterogenen Elemente wird produktiv. Der Historiker fällt dem Erzähler an entscheidenden Stellen ins Wort, wo sich der „Lebensfaden“ zum dramatisch-explosiven Knoten verknäult – der Held zieht das Messer gegen die Gesellschaft im Wirtshaus und der Leser ist höchst gespannt, wie das nun weitergeht –, da unterbricht der Autor den Fluss der Erzählung mit einem Exkurs, einem Diskurs über die Institution des Amtmanns. Die Erzählung verliert wohl durch solche Unterbrechung – aber mit der Abkühlung des Lesers, mit dem Umlenken seiner Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse, unter denen Menschen handeln, gewinnen doch Einsicht und Erkenntnis der wirklichen Welt.

Aus solchem Nebeneinander, aus der Mischung von Literatur und Historiographie, von „Geschichten erzählen“ und „Geschichte schreiben“ schafft Hermann Kurz so ein Prosawerk, das immer noch eines ist: lesenswert und vorlesenwert.

Der Sonnenwirt in der Online-Bibliothek Zeno.org:
http://www.zeno.org/Literatur/M/Kurz,+Hermann/Roman/Der+Sonnenwirt

„Der schwäbische Büchner“: DIE WELT über Hermann Kurz und seinen Roman „Der Sonnenwirt“
http://www.welt.de/print-welt/article186099/Der-schwaebische-Buechner.html

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